Erfahrung MigräneMigräne

Alfred J. Köhl Dipl. Ing. – inzwischen im Ruhestand, Jahrgang 1948

Es war im Herbst 2006, da war ich nach gut 20 Jahren allein schulmedizinischer Behandlung meiner Migräne und zuletzt einem Aufenthalt in einer speziellen Schmerzklinik in Schleswig-Holstein irgendwie am Ende – und aus ärztlicher Sicht auch „austherapiert“. Trotz aller prophylaktischen Medikamente hatte sich die Anfallshäufigkeit meiner Migräne wieder an rund 5 - 6 von 10 möglichen Tagen eingestellt. Ich benötigte durchschnittlich 15 Triptane pro Monat, um den Alltag zu überstehen. Auch ist mir als „bleibende Erinnerung“ der vorbeugenden Einnahme von Metoprolol zur Migräneprophylaxe als Nebenwirkung seit 1995 ein Tinnitus geblieben. Mein Körper mit seinem Schmerz plagte mich fast täglich, beherrschte Verstand, Geist und Seele. Ich war voll und ganz auf diesen Schmerz fixiert. Doch ich wollte nicht aufgeben, ich wollte etwas ändern, etwas anderes versuchen.

So führte mich meine Suche zu fernöstlich inspirierten Wellnessmassagen, die den Schmerz aber nur erträglicher machten, danach zu speziellen Migränemassagen, die den Gesamtzustand zwar auch irgendwie erträglicher machten, aber nicht verbessern konnten, und schließlich zu einer Ostheopathin. Sie legte bei mir nicht nur „Hand an“, um meine Organe und meinen Körper zu erspüren und zu beeinflussen, sondern sie kümmerte sich auch um mich, meinen Geist, meine Seele, mein Unterbewusstsein. Sie erst machte mir viele Zusammenhänge klar, dass das eine ohne das andere nicht heil werden kann.

Durch einen Bericht im Fernsehen kam ich außerdem zur TCM – und fand so eine Ärztin in Nürnberg. Ich war nun abwechselnd in den Händen von drei Frauen; der Ostheopathin für meinen Körper und meine Seele, der TCM-Ärztin mit ihren Nadeln für mein Chi und einer Masseurin für mein Wohlbefinden, so dass ich insgesamt auch weiterhin die nötige Kraft, Lust und Laune hatte, das alles durchzustehen. Es ging mir zwar besser, aber ein wirklicher Durchbruch fehlte immer noch. Ich hatte inzwischen zwar wieder mehr Mut zu leben, war aber immer noch abhängig von Triptanen (12 – 15 pro Monat) und anderen Tabletten (z.B. gegen Übelkeit, um die Triptane zu vertragen!). Immer noch war ich hauptsächlich mit meiner Krankheit, meinen Schmerzen, und dem Dokumentieren meiner Schmerztage für den Neurologen beschäftigt.

Ich setzte meine Hoffnung in einen Klinikaufenthalt in einer TCM-Einrichtung, der mir dabei helfen sollte – verbunden mit einem neuen Denkansatz – von den Medikamenten wegzukommen und endlich eine Verbesserung meines Gesundheitszustandes herbeizuführen. Dazu hatten mir auch meine Ärztin und meine Therapeutin geraten. So kam ich im Frühjahr 2009 zu einem ambulanten Vortermin und im Juli/August 2009 zu dem angestrebten stationären Aufenthalt in die TCM-Klinik im Steigerwald. Ich wollte diesmal bewusst – im Gegensatz zu früheren Erfahrungen – einen „kalten“ Entzug durchführen, ohne irgendwelche schmerzlindernde oder -unterdrückende Medikamente. Man hatte mich zwar in Gesprächen darauf vorbereitet, ich würde in der Entzugsphase Schmerzen erleiden, die ich so schon seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten nicht mehr gefühlt hatte. Doch das was dann zu ertragen war, übertraf meine schlimmsten Erwartungen. Die ersten Wochen waren für mich kein Wohlfühlaufenthalt, sondern kurz zusammengefasst ein einziges Schmerzerlebnis.

Aber ich wollte den Entzug, die Umstellung ja so, denn die Erinnerung an die vorausgegangenen Klinikaufenthalte und daran, wie lange (oder besser gesagt wie kurz) die damaligen „Wohlfühl-Medikamentenumstellungen“ von einem Medikament zu einem anderen eigentlich angehalten hatten, gab mir die Kraft durchzuhalten. Ich wollte diesmal versuchen, endgültig wegzukommen von meiner Medikamentenabhängigkeit. Es waren schwere zwei Wochen voller Schmerzen, in denen ich oft weder sitzen noch liegen konnte, sondern einfach nur in Bewegung bleiben musste. Ich hatte früher starke Probleme mit der Wirbelsäule, Skoliose, Rundrücken und LWS-Schmerzen gehabt und ein Teil dieser Schmerzen war plötzlich wieder da. So half nur gehen, gehen, gehen. In Bewegung bleiben und möglichst von Nichts und Niemandem gestört werden. Keine heftigen Bewegungen, denn das Gehirn schien im Schädel zu schwimmen, kein grelles Licht oder irgendwelche Geräusche. All dies belastete den Kopf nur noch zusätzlich.

Da taten die TCM-Betreuung und die Abgeschiedenheit der Klinik im Wald sehr gut. Ich war viel, und das allein, unterwegs auf diesem Weg. Unterwegs auf den ruhigen Waldwegen. Die ärztliche Begleitung mit Akupunktur und die ausführlichen Arztgespräche, die chinesischen Dekokte aus abgekochten Arzneidrogen, die vielseitige Körpertherapie und wohl auch die Essensumstellung zu vegetarischer Kost halfen mir dabei sehr. Nach zwei Wochen hatte ich „mein Erlebnis“. Es war im Japanbad, als ich beim Eintauchen in das 42° heiße Wasser glaubte, dass innerhalb meines Körpers jeweils auf Höhe des Wasserspiegels irgendwelche Schwimmstoffe, gleichsam Schlacken wären, die – je weiter ich eintauchte – auch immer höher stiegen. So waren sie auf einmal alle in meinem Kopf, der durch diese Fülle zu zerbersten drohte. Es war ein höllischer Schmerz, der mir fast die Besinnung raubte. Da mit mir noch zwei andere Patienten im Bad waren, konnten sie mir aus dem Wasser helfen und mich in mein Zimmer begleiten. Der Schmerz war inzwischen zwar immer noch da, aber anders, irgendwie positiv. Das klingt zwar verrückt, war aber so!

Als ich am nächsten Morgen nach einer kurzen Nacht wieder in den Wald ging, war auch hier Vieles anders. Die Sonne schien, die Schmetterlinge tanzten und mir ging es gut. Ich fühlte, ich hatte es geschafft wegzukommen von der Medikamentenabhängigkeit. Ich war wie befreit. Die letzten Tage in der Klinik konnte ich weitgehend schmerzfrei genießen und Pläne für die Zeit danach machen. In den auf die Entlassung folgenden Monaten wurde ich von dem mich in der Klinik betreuenden Arzt weiterhin ambulant versorgt. Dies geschah sowohl telefonisch als auch durch Besuche in der Ambulanz der Klinik. Es sind ja nur gut 115 km von meinem Wohnort zur Klinik. Inzwischen bin ich regelmäßig zur Weiterbehandlung bei einer Ärztin in Nürnberg. Sie steht in engem Kontakt zur TCM-Klinik Steigerwald und hat eine ähnliche Behandlungsphilosophie: chinesische Kräutermedizin, Akupunktur und Körpertherapie (Tuina), sowie auch weiterhin fast ausschließlich vegetarisches Essen, was für meine Frau und mich bedeutet: regional, saisonal, möglichst gute Lebensmittel und ganz selten Fleisch – ähnlich so wie es in den 50er Jahren üblich war. Das alles um meinen momentanen Gesundheitszustand zu erhalten oder eventuell doch noch weiter zu verbessern. Aber auch bei den anderen beiden Therapeutinnen bin ich immer noch – ab und zu – in Behandlung. Sie helfen mir, mich selbst um meine Gesundheit zu kümmern. Sie geben mir Kraft, jede auf ihre Art, und unterstützen mich bei dem Lernprozess, wie man seinen Körper, seinen Geist und seine Seele akzeptieren kann - so wie sie sind, auch mit Schmerzen. Ich gehe nicht mehr erst dann zum Arzt, wenn ich krank bin und repariert (schnell wieder gesund) werden muss. Auch zähle ich meine Schmerztage nicht mehr, sondern konzentriere mich auf die Tage, an denen es mir gut geht, die ich ohne oder zumindest doch mit erträglichen Schmerzen er-leben kann.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich früher von den Schmerzen im Kopf weitgehend beherrscht war und heute eigentlich nur noch manchmal – mehr oder weniger stark – beeinträchtigt bin. Ich trinke weiterhin mein Dekokt und schaffe es so, meist ohne zusätzliche Medikamente auszukommen. Dies gilt bis auf ganz wenige Ausnahmen, die ich dann aber mit normalen Schmerzmitteln (z.B. Ibuprofen) und viel Rückzug und Ruhe überstehe. Waren es früher 3 - 4 Schmerztage pro Woche so sind es heute 3 - 4 Schmerztage pro Monat. Ich fange wieder an zu leben, mache Termine und gehe unters Volk. Ich verlasse nach 20 Jahren wieder das Haus, ohne mich davon zu überzeugen, dass ich ausreichend Schmerzmedikamente bei mir habe. Ein ganz neues Gefühl. Ein „Schmerzpatient“ weiß, welche Lebensqualität das bedeutet.

Mein Leben und auch das meiner Familie wäre in den letzten Jahrzehnten ganz anders verlaufen ohne die Migräne. Doch es war und ist so wie es ist, und das ist heute Vergangenheit, Geschichte! Ich kann und versuche dies auch, nur nach vorne schauen und nach dem Motto leben:
Dem Leib etwas Gutes tun, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. (Winston Churchill)

Februar 2011

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