Der Energiebegriff in der chinesischen Medizin

Wie das Qi die Welt bewegt


Dr. Christian Schminke  

Mit dem Begriff Qi verbinden sich die verschiedensten Vorstellungen, wie Vitalität, Energie, geheimnisvollen Kraftquellen des Menschen und der Natur. Viele denken auch an bioelektrische Phänomene oder an Wege der Lebensverlängerung. Aus den Sehnsüchten der Menschen werden Werbeslogans: Qi-Maschinen gegen Rückenschmerzen, chinesische Kräutermischungen zur Qi-Vermehrung werden angepriesen. Qi-Gong-Meister aus China verdrahten ihre Qi-geladenen Hände mit Kassetten-Rekordern und verkaufen Qi-Kassetten an bedürftige Menschen. Was ist dran am Qi bzw. was ist es überhaupt? Der Begriff „Qi“ oder „Chi“, so ähnlich wie „Tschi“ oder „Tsi“ ausgesprochen, wird in der chinesischen Literatur häufig gebraucht und hat eine sehr allgemeine Bedeutung: Das Qi der Sonne sorgt dafür, dass die Pflanzen wachsen. Das Qi der Mutter hegt das Kind. Wetter bezeichnen die Chinesen als Qi-Bild oder, in einer anderen Deutung des chinesischen Schriftzeichens, als Himmels-Qi. Ein Raum hat ein gutes oder schlechtes Qi. Jemand leidet unter Qi-Schwäche. 

In dieser Allgemeinheit könnte man Qi übersetzen mit Kraft, Einfluss, Ausstrahlung, Wirkung. Genaugenommen wäre Qi die Wirkkraft, eine den Dingen oder Lebewesen innewohnende Fähigkeit, Einfluss auszuüben. Qi kann gut oder böse, förderlich oder schädlich sein: Das gute Qi der Sonne lässt das Gras wachsen, das schlechte lässt es verdorren. Das bedeutet zweierlei: Das Qi einer Sache ist unausgesprochen immer auf ein Gegenüber, einen Empfänger bezogen. Dessen Zustand entscheidet mit darüber, ob das Qi gut oder böse ist. Die Wirksamkeit des Qi vollzieht sich immer im Kraftfeld zwischen Yin und Yang, der Kraft der Ruhe (Yin) und der Kraft der Bewegung (Yang). Yin steht für das beruhigende, verwurzelnde, ordnende Prinzip, Yang für das Wecken, Anregen, die Expansion: Das Yang-Qi der Sonne und das Yin-Qi der Erde lassen das Gras wachsen.  

Unterschiedliche Sicht der Dinge in West und Ost 

In der altchinesischen Sicht der Dinge begegnet uns eine urtümliche Art der Weltbetrachtung. Wir würden sagen: Sie personifiziert die Dinge. Adressat dieser von den Dingen ausgehenden Kraftlinien, ihrem Qi, ist letztlich der Mensch und seine Welt. Dagegen ist in unserer wissenschaftlich geprägten Zeit die Redeweise von der lieben Sonne, die wärmt, und der bösen Sonne, die verdorren lässt, nur Kindern und Künstlern erlaubt. Die Wissenschaft sagt uns, die Sonne sei „in Wirklichkeit“ ein durch Kernfusion aufgeheizter Feuerball, der elektromagnetische Strahlen zur Erde sendet. Die Natur hat sich für die in unserem Kulturkreis herrschende wissenschaftliche Sichtweise in physikalisch-mathematische Formeln aufgelöst, in Kausalketten ohne Anfang und Ende. Die Natur existiert nicht mehr als Gegenüber. Es scheint, daß die Akzeptanz des Qi-Begriffes im Westen mit einer Wende im neuzeitlichen Denken zu tun hat, einer Wende, die in bestimmten Schulen der Gegenwartsphilosophie immer wieder beschworen wird. Dort heißt es: Nur wer die Dinge ernst nimmt, kann auch den Menschen ernst nehmen.  

Qi im Raum wirkt auf die Bewohner positiv oder negativ 

Die Anordnung der Dinge in einem Raum hat eine Kraft, die auf jeden wirkt, der sich in diesem Raum aufhält. Der falsche Schrank am falschen Ort beeinträchtigt auch Lebensgefühl und Schaffensfreude (=Qi) von Menschen, die so etwas wie Schränke gar nicht wirklich wahrnehmen. Dies ist das Credo des Feng Shui (wörtlich „Wind-Wasser“), einer Kunst, das Qi in der Raumgestaltung wahrzunehmen und zu beeinflussen. Ein gutes Raum-Qi heißt: Der Raum wirkt gleichzeitig ordnend und belebend, es besteht also ein ausgeglichenes Verhältnis von Yin und Yang – Voraussetzung für einen guten Qi-Fluß. Feng Shui kann immer dann hilfreich sein, wenn es den Menschen nicht in ein Regelwerk unverständlicher exotischer Vorschriften einzwängt, sondern ihn zum einfühlenden Sehen anleitet. Die lebenden Wesen haben sich durch Anpassung an die physikalische Welt entwickelt. Ihr Organismus lässt sich deshalb als Abbild der äußeren Welt begreifen. Jede Kommunikation zwischen Einzelwesen und umgebender Natur lebt von dieser inneren Verwandtschaft. Die chinesische Philosophie nennt dies die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos.  

Organismus der Lebewesen: ein Abbild der äußeren Welt 

In jedem Lebewesen wiederholt sich, seiner Komplexität entsprechend, die Qi-Dynamik der äußeren Natur. Für den Einzeller besteht die Welt vielleicht nur aus kalt und warm sowie aus anziehenden und abstoßenden chemischen Molekülen. Sein Qi orientiert sich in sehr einfachen Kraftfeldern aus Yin und Yang. Die innere Qi-Organisation des Menschen dagegen ist von außerordentlicher Komplexität. Die medizinischen Traditionen Chinas beschreiben ein Flechtwerk aus dynamischen Qi- Strukturen, die zusammen Stabilität und Kommunikationsfähigkeit des Menschen, sein Vital- Qi, erzeugen sollen. „Qi“ wird im medizinischen Kontext fast zu einem technischen Begriff.  

Jeder Atemzug hat Frühling, Sommer, Herbst und Winter 

Alle im Organismus wirkenden Kräfte lassen sich einem Yin-Qi oder einem Yang-Qi zuordnen. Das Yang-Qi wärmt, bewegt, wandelt um, hält zusammen, hebt nach oben; das Yin-Qi kühlt, beruhigt, stabilisiert, löst Spannung, lässt absinken. Yin-Qi und Yang-Qi kämpfen ständig miteinander. Im gesunden Organismus sind sie im Gleichgewicht. Qi bewegt sich durch einen Fünfer-Kreis verschiedener Aktivitätszustände: Die fünf Zang-Fu („Speicher- und Hohlorgane“) haben mit den Organen unserer Medizin wenig gemeinsam. Sie repräsentieren vielmehr psychosomatische Grundfunktionen des Organismus. Sie treiben die allgemeine Qi-Bewegung an, indem sie wie die Jahreszeiten, nach dem Muster der Wandlungsphasen unablässig ineinander übergehen. Jede Entwicklung, jede Handlung, jeder Atemzug hätte, so gesehen, einen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. 

Beginnen wir mit dem Leber-Qi, das den Antrieb, die Kraftentfaltung reguliert. Seine Funktion ist es, situationsgerecht „Gas“ zu geben, aber auch, das Gas zurückzunehmen. Menschen, die im Leben immerzu Gas geben müssen, sind chinesisch gesprochen, „leber“krank. Das Qi des Lebensprozesses geht von der Leber (Wandlungsphase Holz - Frühling) über zum Herzen (Wandlungsphase Feuer-Sommer).

Das Herz-Qi trägt den Namen „Shen“. Shen ist die Kraft, die von der Leber bereitgestellte Energie zu formen, die Dinge auf den Punkt zu bringen, Präsenz und Realität herzustellen. Krankheiten eines zerrütteten Shen sind Sucht ebenso wie Psychose. Die weitere Bewegung des Qi geht vom Herzen über die Milz (Funktionen des Verdauens, Klärens), die Lungen (rhythmische Verteilung, Beruhigung) und die Niere (Speicherfunktion) wiederum zur Leber.  

Von der Abwehrenergie zu den Körpersäften 

Im Bereich der Körperoberfläche (Haut, Schleimhäute) fungiert das Qi des Menschen als Abwehrenergie, genannt „Wei-Qi“. Seine Kraft verhindert das Eindringen von Störungen ins Innere, hält also die Auseinandersetzungen mit den bösen Witterungs-Qi wie Kälte, Wind, Feuchtigkeit an der Oberfläche. Ein starkes Wei-Qi befähigt den Menschen, Atemwegsinfekte zügig und produktiv durchzustehen, es zeigt sich aber auch in der Schlagfertigkeit, mit der ein Mensch Zumutungen abwehrt, bevor sie ihn im Inneren verletzen können. Beim Einschlafen, heißt es, zieht sich das Wei-Qi von der Oberfläche zurück und fließt am inneren Augenwinkel (Akupunkturpunkt Blase 1) ins Körperinnere, um über Nacht die Organe zu pflegen.

Wichtigstes Medium dieser nächtlichen Reinigungs- und Regenerationsvorgänge in den Tiefenschichten des Organismus ist das Xue (gesprochen Schjö), das meist mit „das Blut, die Säfte“ übersetzt wird. Xue steht für den stofflichen Aspekt, es ist Yin im Verhältnis zum Qi. Das bedeutet gleichzeitig Partnerschaft und Widerstreit. Qi ist das Antreibende, Xue ist das Beharrende. Man kann sagen, Xue steht für Säfte, Qi für Kräfte. Ihrer beider Harmonie ist Inbegriff der Gesundheit, in ihrer Entzweiung drückt sich das Wesen vieler Erkrankungen aus.  

Qi fließt in den Leitbahnen der Akupunktur – den Meridianen 

Qi zirkuliert, zusammen mit dem Xue, in den Leitbahnen, den Meridianen. Es folgt einer komplexen Ordnung von Yin und Yang, Außen und Innen, Oben und Unten. Sein Fließen ist maßgeblich für die Lebendigkeit und Durchlässigkeit des Organismus. Bei der Akupunktur werden bestimmte Punkte auf den Leitbahnen, insgesamt sind es 730, mit der Nadel gereizt. Wichtig für den Behandlungserfolg ist die Beachtung des De-Qi, zu deutsch: „Das Qi ist angekommen“. Dieses zeigt sich dem Therapeuten in der Zunahme des Gewebswiderstandes beim Bewegen der Nadel. Gleichzeitig spürt der Patient das De-Qi als eine ausstrahlende Empfindung, ein Kribbeln, ein W.rmegefu?hl, ein Taubwerden entlang des behandelnden Meridians. Ziel der Akupunktur ist es, den Qi Fluss zu regulieren, unterversorgte, unlebendige Körperregionen zu beleben, u?bertrieben aufgeladene Gebiete zu lösen sowie Energie und Spannung auszuleiten.  

Üben mit Qi: Qi-Gong und Tai Chi Chuan

Jedes der hier beschriebenen Strukturmodelle des Qi zeigt: Das Qi des Menschen lässt sich nur in einer zeitlichen oder räumlichen Bewegung beschreiben, es lässt sich nicht festhalten. Qi , so scheint es, hat mit der unsichtbaren Kraft und Flüchtigkeit des gelebten Augenblicks zu tun.

Qi-Gong (oder Chi Kung) heißt Qi-Üben oder Arbeit am Qi. Im weiteren Sinne sind auch die Bewegungsformen des Tai Chi Chuan dem Qi-Gong zuzuordnen. Die langsam fließenden Bewegungen irgendwo zwischen Gymnastik, Meditation und Pantomime sollen den Qi-Fluß im ganzen Körper fördern. Wichtig sind dabei eine feste Verwurzelung des Übenden im Boden und eine Rücknahme aller zu ehrgeizigen oder kontrollierenden Willensimpulse. Die Bewegungen sollen wie von selbst aus dem Bewegungszentrum des Menschen, der Dantien- Region entspringen, die etwa eine Handbreit unter dem Nabel liegt. Dabei soll sich der Fluß der Bewegung in einem unaufhörlichen Rhythmus zwischen Yang (Bewegung nach oben, vorne, außen) und Yin (sinken lassen, nach innen zurücknehmen, zurückweichen) einspielen.  

Qi als Kraft spüren, die durch den Körper geht 

Große Schwierigkeiten haben Anfänger im Westen damit, einerseits bestimmte Bewegungsmuster einzuüben, andererseits aber die Willenskontrolle der Bewegung nach Möglichkeit auszuschalten. Hilfreich sind: ein guter Lehrer, den der Übende unwillkürlich nachahmen kann, und die Betätigung der Vorstellungskraft. So kann das innere Bild einer langen Feder auf dem Kopf den Nacken stimmiger und kräftesparender strecken als das willentliche Anspannen der zuständigen Muskeln. Ähnlich wirksam wie diese Vorstellungen mit „Transsensus“ (in den Raum hinausspüren) ist es, sich in die Bilder hineinzuversetzen, die den chinesischen Übungsnamen zugrunde liegen, wie z.B. „Der Kranich breitet die Flügel aus“, „Wolkenhand“ oder „die Dame am Webstuhl“.

Die Devise beim Üben lautet, seine Aufmerksamkeit nicht auf eine bestimmte Körperregion zu fixieren. So lässt sich das Qi im Üben als Kraft erfahren, für die der eigene Körper weder Quelle noch Ziel, sondern einfach nur Durchgangsstation ist: „Wenn man gelassen ist und sein Wollen zügelt, erhält man sich das wahre Qi“. 


Chinesiche Medizin für den Westen

Westliche Patienten reagieren anders auf Chinesische Medizin, als Menschen des Ostens. So werden hier im Westen meist geringere Arzneidosierungen eingesetzt und die Rezepturen enthalten weniger Bestandteile. Ähnliches gilt für die Akupunktur. Der chinesische Patient verlangt nach Nadelreizen, bei denen ein europäischer Patient die Flucht ergreift. TCM-Experten müssen die chinesischen Empfehlungen daher genau modifizieren. Lesen Sie hier alles über die Chinesische Medizin im Westen


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