Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Freunde, Förderer und Interessierte,
Rückenmuskulatur kräftigen, Sport treiben, abnehmen! Diese gut gemeinten Ratschläge bekommen Menschen mit chronischen Rückenleiden häufig zu hören. Und doch treffen sie nicht die ganze Wahrheit. Denn die Bewegungselemente des Rückens lassen sich mit mechanischen Begriffen allein nicht zureichend beschreiben, auch der Rücken ist ein Organ der Seele.
Normalerweise begegnen Menschen sich ja mit ihren Vorderseiten: Die Augen gehen voraus und suchen die Augen des Gegenübers. Im gleichen Atemzug bauen Mimik, Stimme, Hände das Kommunikationsfeld auf, in dem jeder, so gut er kann, seine Rolle im sozialen Drama spielt.
Mancher ist überfordert von den vielen Rollen, die der Lebenskampf ihm abverlangt. Ist er das noch selber, der da spricht, ist das Lächeln noch sein eigenes?
Und dann kommt jemand und legt ihm den Arm auf die Schultern. Er will damit sagen: Bei mir musst Du keine Rolle spielen, ich nehme Dich wie Du bist. Ich gebe Dir Rückhalt, ich stehe zu Dir.
Das tut gut. Der Rücken muss ja alles tragen. Auch das Bühnengeschehen auf der Vorderseite lebt von der Haltekraft und Geschmeidigkeit der Rückenmuskulatur und von deren Fähigkeit, immer wieder weich zu werden, um die Schwingung des Atems aufzunehmen. Aber wenn der Mensch sich anstrengen muss in seinen Rollen, dann werden die Rückenmuskeln sich verkrampfen. Denn, während die Vorderfront das Stück "Der immer Freundliche" oder "Die schöne Frau" spielt, will der Rücken sich vielleicht umdrehen und weglaufen oder abschlaffen und sich hinlegen oder nach vorne stürmen und um sich treten oder die ganze Inszenierung blöd finden und zu den Leuten sagen: Rutscht mir doch den Buckel runter. Der Rücken kann ja nicht lügen.
Mein Atemtherapie-Lehrer Volkmar Glaser nannte den Rücken die Vertrauenszone des Menschen. An seinen Rücken lässt man nur heran, von dem man nichts zu befürchten hat. Das kann ein vertrauter Mensch sein oder ein Therapeut. Seine Aufgabe wäre es, dem Rücken beizubringen, nur die Rollen zu unterstützen, die seinem Wesen gemäß sind. Und das aber gut.
Mit diesem kleinen Blick in die Werkstatt unserer Körpertherapeuten grüße ich Sie zur Sommerausgabe unserer Klinikzeitung,
Ihr Christian Schmincke


