Das Interview – Deutsche Zeitschrift für Onkologie 2008
Gesprächspartner
Dr. rer. nat. Christian Schmincke
DZO: Welchen Stellenwert hat ihrer Meinung nach die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) bei der Behandlung von Krebserkrankungen?
Dr. Schmincke: Insbesondere die chinesische Arzneitherapie ist eine außerordentlich wertvolle Methode in der Begleitbehandlung von Tumorerkrankungen. Begleitbehandlung heißt, dass wir in aller Regel den Patienten empfehlen die fachärztlich empfohlenen Operationen, Chemotherapien und Bestrahlungen durchzuführen, sich allenfalls noch eine zweite Meinung einzuholen und dann zusätzlich zu den konventionellen Behandlungen sich einer intensiven chinesischen Begleittherapie zu unterziehen.
DZO: Gibt es klinische Studien zur Wirksamkeit von TCM bei Krebs?
Dr. Schmincke: Es gibt eine Anzahl klinischer Studien zur Wirksamkeit der Tumorbehandlungen mit Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin. So ist es nachweislich gelungen, durch intensives Üben bestimmter Formen des Qi Gong Tumorerkrankungen zurückzudrängen oder in einzelnen Fällen auch zur Abheilung zu bringen. Auch eine ganze Gruppe von tumorwirksamen chinesischen Heilpflanzen ist bekannt und klinisch erprobt. Unsere Arbeitsgruppe folgt dem DEKA-Ansatz der chinesischen Arzneitherapie, der sich durchaus von traditionellen Vorgaben teilweise unterscheidet. Diese Methoden wurden überwiegend von Dr. Friedel (Klinik Silima, Oberbayern) entwickelt. Leider ist es trotz der offensichtlich guten Wirksamkeit dieser Therapieverfahren bisher aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der zeitlichen Überlastung der maßgeblichen Experten nicht möglich gewesen, klinische Studien auf den Weg zu bringen. Wir wünschen uns auf diesem Gebiet mehr Sponsoring.
DZO: Welche Methoden der TCM haben sich bei Krebserkrankungen in der Praxis als besonders hilfreich bewährt?
Dr. Schmincke: Zur chinesischen Arzneitherapie können wir aufgrund der hier in der Klinik am Steigerwald und in der Klinik Silima gemachten Erfahrungen sagen: Es läßt sich im Wesentlichen ein dreifacher therapeutischer Ertrag beobachten. Erstens: Besserung und Linderung in den mit den konventionellen Maßnahmen verbundenen Problembereichen. So zum Beispiel bei postoperativen Funktions- und Befindensstörungen, Übelkeit und Erschöpfung nach Chemotherapie, Schwäche, Blutungen nach Bestrahlungen. Hier lassen sich Effekte beobachten, die weit über das hinausgehen, was wir sonst im Rahmen biologischer Tumortherapien gesehen haben.
Das zweite Therapieziel ist ein Wiederaufbau immunologischer und metabolischer Funktionen. Das führt neben einer Befindensbesserung oft auch dazu, dass eine von den Onkologen aufgegebene konventionelle Therapie mit guter Aussicht auf Erfolg wieder aufgenommen werden kann. Wir haben in der Tat in einigen Behandlungsfällen eine gute, zum Teil bleibende Besserung erzielen können.
Das dritte Therapieziel, das wir je nach Tumorart eher direkt oder eher indirekt ansteuern können, ist eine Beeinflussung des Tumorwachstums selbst. Hier lassen sich bisher deutlich sichtbare Effekte vor allem im Bereich der bösartigen hämatologischen Erkrankungen aufweisen.
Gelegentlich kommen Patienten zu uns, die sehr hohe Erwartungen in die Möglichkeiten alternativer Tumortherapien haben und deswegen gänzlich auf konventionelle Behandlung verzichten wollen. Hier sind manchmal lange und intensive Gespräche nötig, um den Patienten zu einem realistischen Bild von den Möglichkeiten alternativer beziehungsweise komplementärer, aber auch konventioneller Tumortherapien zu verhelfen. Patienten die nach solchen Gesprächen weiterhin auf die üblichen Therapien verzichten wollen, die darüber hinaus deutlich machen, dass sie sich auch mit dem Problem des Sterbens auseinandergesetzt haben, diesen Patienten verweigern wir unsere Hilfe nicht. Diese Situation haben wir in den letzten zwölf Jahren einmal gehabt.
DZO: Welche Ernährungsmaßnahmen empfehlen sie Krebspatienten?
Dr. Schmincke: Mit der Nachricht, tumorkrank zu sein, wächst in vielen Menschen die Bereitschaft, eingeschliffene Alltagsgewohnheiten zu überdenken. Dazu gehört auch die Ernährung. Es ist die Motivation da, sich vom offensichtlich gesundheitsschädlichen Angewohnheiten zu trennen, also Rauchen, regelmäßiger Alkoholkonsum, übertriebener Genuss von tierischem Eiweiß, Zuckerwaren, Junkfood. Es lohnt sich, sich damit anzufreunden, dass qualitativ hochwertiges Gemüse den Mittelpunkt der Mahlzeiten ausmachen kann. Für manche ist es sinnvoll erst kochen zu lernen. Aber: Bei allem darf nicht vergessen werden, dass Angst allein kein guter Ratgeber in Ernährungsfragen ist. Das Essen sollte auch schmecken. Vielleicht ist am Anfang ein etwas radikaler Schnitt nötig, insbesondere wenn es um den Abbau von "Drogen" inklusive Kaffee geht, aber auf Dauer ist es besser, den Magen und das allgemeine Wohlgefühl zu befragen, wenn es um das richtige Essen, geht als immer nur das Gehirn.
DZO: Sie wenden in ihrer Klinik vorrangig die chinesische Arzneimitteltherapie an. Wie kann sich der einweisende Arzt die Anwendung der chinesischen Kräutermedizin am Patienten konkret vorstellen?
Dr. Schmincke: Die chinesische Arzneitherapie, wie sie in der Klinik am Steigerwald betrieben wird, verwendet chinesische Rohdrogen. Das heißt: getrocknete Pflanzen und Mineralien, die durch Abkochen aufgeschlossen und extrahiert werden. Die Patienten müssen also einen Kräutersud zu sich nehmen, der entweder selber zubereitet oder vom Apotheker hergestellt wird. Entscheidend ist, dass vor der Verordnung und Einnahme der Arzneimittel eine ausführliche chinesische Diagnose erhoben wird, und dass diese Diagnose in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird. Jede Aktualisierung, die im stationären Bereich täglich, ambulant circa zweiwöchentlich stattfindet, trägt die Tatsache Rechnung, dass sich die Funktionslage des Organismus unter der Einnahme der Rezepturen ändert. Deshalb sind immer wieder Rezepturveränderungen notwendig.
Therapieziele sind in jedem Fall eine normalisierte Ausscheidungsfunktion, insbesondere die Beeinflussung der Darmausscheidung in der Weise, dass vermehrt Gifte und metabolische Schlackenstoffe ausgeschieden werden. Ferner soll der Schlaf besser werden, vegetative Funktionen wie Schwitzen, Temperaturempfinden, Müdigkeit sollten sich normalisieren ebenso wie Spannungs- und Unruhezustände.
Die chinesischen Arzneipflanzen werden überall in Deutschland in Apotheken angeboten. Sollte sich keine Apotheke in der Nähe befinden, die die entsprechenden Arzneikräuter auf Lager hat, ist inzwischen auch der Bezug über spezialisierte Apotheken üblich geworden.
Es muss betont werden: Absolut unverzichtbar ist die regelmäßige Konsultation des behandelnden TCM-Experten, was über weite Strecken auch telefonisch möglich ist. Inzwischen gibt es viele Patienten, bei denen die Kooperation von Hausärzten, beziehungsweise betreuenden Fachärzten und chinesisch arbeitenden Kollegen gut funktioniert.
DZO: Welche Körpertherapien werden im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes bei ihnen angewandt?
Dr. Schmincke: Körpertherapien werden hier im Hause für stationäre Patienten in der Regel dreimal wöchentlich verordnet, Therapiedauer 45-55 Minuten. Folgende Methoden stehen zur Verfügung: Psychotonik, Shiatsu, Tuina, Craniosacraltherapie, Akupunktmassage, Fußreflexzonenmassage, Qi Gong, behandlungspflegerische Maßnahmen, Schröpfen, Blutegeltherapie, Akumoxatherapie und vieles andere mehr. Des Weiteren bieten wir in Fällen, wo es indiziert ist oder vom Patienten gewünscht wird, eine Psychotherapie an.
DZO: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was tun sie für sich, um gesund zu bleiben?
Dr. Schmincke: Einmal planmäßige, stufenweise Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 50 Stunden, regelmäßige Spaziergänge und Gartenarbeit. Maßvolle, vorwiegend vegetarische Ernährung.
DZO: Herr Dr. Scmincke, vielen Dank für das Gespräch
Erschienen in: Deutsche Zeitschrift für Onkologie 2008, Heft 40, S. 84/85, Thieme-Verlag

