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Die Klinikzeitung - Zeitung der Klinik am Steigerwald, Dezember 2009

Kalte Füße – ein weit verbreitetes Leiden

von Dr. Christian Schmincke

Mit Beginn der kalten Jahreszeit werden Fußsack, Schlafsocken, Wärmflasche und diverse andere Hilfsmittel aus den Schränken geholt.

Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen unter kalten Füßen leiden. Der Arzt erfährt es nicht, es würde ihn auch nicht interessieren. Er hat keine Tabletten dagegen. Darum gibt es auch keine offizielle Statistik. Wir schätzen den Anteil der betroffenen Frauen auf annähernd 50%. Bei den Männern sind es weniger, aber die Dunkelziffer ist hoch. Dabei ist das Kälte-Thema keineswegs auf die Wintermonate beschränkt. Die echten "Frostbeulen" plagen sich mit der Erwärmung ihrer Füße toujour, auch an heißen Julitagen. Und auch das Frieren an den Füßen stellt oft genug nur die Spitze des Eisbergs dar: Seltener registriert, aber dann genauso unangenehm sind die Kältezonen an Knie, Oberschenkel, unterem Rücken, Gesäß, Bauch, Schultern, Händen… Und auch der Kopf und hier besonders Stirn und Nacken können außerordentlich empfindlich gegen Kälteeinwirkung sein, besonders wenn sie mit Wind oder Zugluft verbunden ist. Wer in diesem Bereich sensibel ist, reagiert schnell mit Erkältung oder Nebenhöhlen-Schmerzen, während bei der konsequent fußkalten Frau bisweilen schon der Anblick kalter Fliesen ausreicht, um Blasenbeschwerden hervorzurufen. Die Schulmedizin ist auf diesem Auge weitgehend erblindet. Befindlichkeitsstörungen gehören in den "subjektiven" Bereich, sie haben keinen Krankheitswert an sich, ihre Behandlung ist deswegen auch keine Kassenleistung. Nur der "objektive", der durch Apparate gesicherte Befund verrät dem Arzt zweifelsfrei, ob der Mensch krank ist oder ob er sich nur etwas einbildet. Aus dieser "wissenschaftlich begründeten" Ignoranz der Schulmedizin gegenüber dem Wärmebedürfnis des Menschen erklärt sich manche pflegerische Rücksichtslosigkeit gegenüber hilflosen Patienten in Klinikbetten und OP-Sälen, mit bisweilen katastrophalen Folgen für Leib und Leben der Betroffenen.

Ganz anders die Chinesische Medizin. Sie gründet ihre Diagnose überwiegend auf Befindlichkeitsangaben des Patienten. Die in intensiven Anamnesegesprächen erforschten Beschwerden und Befindlichkeiten des Patienten, ergänzt um bestimmte chinesische Untersuchungen wie Pulstastung und Zungendiagnose, ergänzt auch um wichtige schulmedizinische Befunde, ergeben zusammen die traditionelle chinesische Diagnose. Sie gibt schon früh Hinweise, ob sich eine ungute, vielleicht für die Gesundheit gefährliche Entwicklung anbahnt (hier ist der chinesische Arzt besonders wachsam), und sie liefert natürlich die notwendigen Informationen für die Therapie.

Diagnostisch besonders aussagekräftig sind Empfindungen des Patienten, die seinen Wärmehaushalt betreffen.

Die wichtige Rolle, die das Temperaturthema in der Chinesischen Medizin spielt, sieht man schon daran, dass der Akupunktur und der manuellen Meridian-Behandlung (Tuina) die Moxibustion als Wärme zuführende Maßnahme an die Seite gestellt ist. Auch die Arzneitherapie orientiert sich, neben anderem, am Temperaturprinzip: Jedes der in den chinesischen Arzneibüchern beschriebenen zwei- bis dreitausend Mittel ist im Hinblick auf seine wärmende oder kühlende Wirkung genauestens beschrieben. Damit korrespondierend unterscheidet die chinesische Diagnostik zwischen einer Anzahl von Hitze- und vier Kältezuständen.

Die Chinesische Medizin fragt:

Warum werden bei einem hinreichend mit Nahrung, Kleidern und Heizung versorgten Menschen die Füße nicht warm? Was bezweckt der Körper damit, dass er mir kalte Füße macht? Das chronische Frieren an den Füßen kann Ausdruck einer Kältestörung sein und sollte deshalb ernst genommen werden. Die wichtigsten Formen einer Kältestörung sind, aus chinesischer Sicht:
1. Zu wenig Vitalwärme, der Mensch betritt die Lebensbühne zaghaft, bringt sich nicht ein, lässt sich nicht entzünden – oft ängstliche, komplizierte Menschen.
2. Deponien von Schlackenstoffen in den unteren Körperpartien, die in der Absicht, die Müllzonen gegenüber dem Körperganzen auszugrenzen, tiefgekühlt werden – oft verbunden mit Neigung zu Wasseransammlungen in den Unterschenkeln, Krampfadern, unreiner Haut, Stauungserscheinungen. Mit den Jahren kann dieser Typ Fußkälte umschlagen in "burning feet". In der Übergangsphase finden wir beides gleichzeitig: Beim Einschlafen sind die Füsse eiskalt, nachts müssen sie zur Kühlung aus dem Bett gestreckt werden.
3. Erkältung akut oder versteckt – oft verbunden mit Frösteln, Kältescheu, Zittern, Schleimhautsymptomen wie Niesen, Schnupfen, Husten, Halsweh…
4. Gestörte Spannungsregulation; überstarker innerer oder äußerer Leistungsdruck führt zur Verkrampfung; der Wille ist überstark, darum folgt das Fleisch ihm nicht – oft verbunden mit kalten Händen, bisweilen auch mit heißem Kopf oder anderen Hitzeerscheinungen. Massage, Berührungen helfen; Loslassen lernen, am besten im Kontakt mit Partnern. Interessanterweise müssen hier oft kühlende Rezepturen gegeben werden, um den Energiefluss zu beruhigen und zu ordnen, damit schließlich auch die Füße wieder warm werden.

Die zuletzt genannte Situation findet man häufig bei nervös verspannten Menschen (kalte Füße – heißer Kopf). Gerade sie berichten uns immer wieder über die Erfahrung, dass das warme Bett abends erst dann Wirkung zeigt, wenn sich die Tagesspannungen unter der zärtlichen Berührung des Partners auflösen. Wir sehen: das Thema Warm-Kalt hat natürlich nicht nur mit Physik zu tun, es besitzt auch eine ganz wesentliche psychische, das heißt kommunikative Komponente. Das zeigt uns schon die Sprache in Ausdrücken wie: er kriegt kalte Füße (Angst), er ist ein Hitzkopf (Wut), Herzenswärme, Nestwärme, kalte Wut usw.

Wärme löst Spannung – Entspannung lässt äußere Wärme besser eindringen.

Die chinesische Behandlung von Kältestörungen im Rahmen chronischer Erkrankungen müssen wir den Therapeuten überlassen.

Glücklicherweise gibt es viele Wege, sich selbsttätig mit unseren kalten Füssen auseinanderzusetzen. Ziel wird zunächst sein, die quälenden oder doch ärgerlichen Symptome loszuwerden, gleichzeitig läßt sich damit der Einnistung einer Kältekrankheit entgegenwirken. Und drittens wird diese Arbeit an unseren Füssen auch der persönlichen Entwicklung förderlich sein.

Wärmende Speisen und Getränke

Regelmäßig heißes Wasser trinken. Neben der wärmenden Wirkung fördern wir damit auch die Entschlackung. Regelmäßig warm essen, auch zum Frühstück (Hafer-, Hirsebrei, Reis-Suppe für die ganz Magenempfindlichen). Kühlschrankkalte Getränke streichen. Was die wärmende Wirkung auf den Organismus betrifft, empfiehlt die Chinesische Medizin folgende Lebensmittel: Grünkern, Hafer, Rundkornreis, Amaranth, Sago; Fenchel, Kastanie, Kürbis, Lauch, Meerrettich, Süßkartoffel, Zwiebel; alle Fleisch-Arten außer Rind und Schwein; Fisch; alle Gewürze, also Zimt, Ingwer (besonders die getrocknete Form), Fenchel, Kardamom, Nelken…

Aber Vorsicht!

Vor Jahren haben wir eine Dame wegen Rheuma behandelt, die in einem Ratgeber gelesen hatte, dass Rheuma eine Kältekrankheit ist und sich mit getrocknetem Ingwer (stark wärmende Wirkung) kurieren lässt. Der Autor hat sinnvollerweise gleich das entsprechende Präparat mit vermarktet. Tatsächlich half das Mittel die ersten Wochen gegen die Schmerzen, aber gleichzeitig entwickelte sich eine schwere, kaum zu beherrschende harte Verstopfung. Und dann stellten sich auch die Gelenkschmerzen wieder ein. Wir lernen von den Chinesen: Wärmende Arzneien im Übermaß trocknen aus, schädigen die Schleimhäute und erregen das Nervensystem. Wir haben natürlich das Mittel abgesetzt und eine komplexe chinesische Therapie angesetzt, bei der wärmende Rezepturen nicht im Mittelpunkt des therapeutischen Konzeptes standen. Neben einer Austrocknung der Schleimhäute kann der Genuss von reichlich wärmenden Speisen noch andere ungute Folgen haben: Die Füße bleiben kalt, aber der Kopf wird immer heißer oder der Mensch wird einfach nur nervös statt warm. Ursache ist der polare Charakter der Energie-Verteilung. Wärme-Impulse, lehrt die Erfahrung, haben die Tendenz, nach oben zu steigen. Bei hektischen, wenig bodenständigen Menschen kommt die Wärme nicht da an, wo sie gebraucht wird, im "Unteren Erwärmer". Der Untere Erwärmer umfasst neben den Füssen die Beine und den Bereich der Beckenorgane – häufig eine Problemzone fußkalter Menschen.

Lokale Wärme

Wir bringen die Wärme dahin, wo der Körper nach ihr verlangt, also:
Wärmflasche, Dinkelsack, Kirschkernkissen u.ä.; Fußbäder warm oder ansteigend (warm beginnen, durch Zugabe von heißem Wasser im Verlauf von ca. 10 - 15 Min. auf gut warm steigern); Fußwechselbäder (ca. 3 Min. warm - 10 Sek. kalt, mehrfach wiederholen), Wassertreten. Zusatz von Zimtöl zum Fußbad steigert die wärmende Wirkung (siehe Pflegetipp). Wolle, auch Angora, in jeder Form. Knie, Oberschenkel, Gesäß, unterer Rücken und Bauch verlangen häufig auch nach wärmender Zuwendung. Wer kann unseren Frauen endlich beibringen, dass wärmende Kleidung in der entsprechenden Jahreszeit der Gesundheit und damit indirekt auch der Schönheit dient und dass auch eine wollene Strumpfhose sexy aussehen kann? Grundsätzlich gilt: Je mehr die Eigenproduktion von Wärme angeregt wird, umso nachhaltiger die Wirkung. Also: Wolle besser als Wärmezufuhr, Wechselbäder besser als warme Bäder. Bei Kaltwasseranwendungen Vorsicht: erst anwenden und dabei die Kältezufuhr auf eine so sensible Art dosieren, dass anschließend eine reaktive Erwärmung eintritt. Der Wärmeorganismus soll durch eine gezielte, leichte Provokation aus der Reserve gelockt, nicht durch einen brutalen Kälteschock für immer zum Rückzug getrieben werden. Und wer mit der kalten Dusche partout nicht zurecht kommt, dem sei die Ganzkörperwaschung empfohlen – die zudem noch den Vorteil hat, dass Massage und Gymnastik kostenlos mitgeliefert werden. – Aber bei all dem soll man sich Zeit lassen, es darf keine Hektik aufkommen und wenn es ein wenig Spaß macht – um so besser.