Kalte Füße – ein weit verbreitetes Leiden
von Dr. Christian Schmincke
Mit Beginn der kalten Jahreszeit werden Fußsack, Schlafsocken, Wärmflasche und diverse andere Hilfsmittel aus den Schränken geholt.
Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen unter kalten Füßen leiden. Der Arzt erfährt es nicht, es würde ihn auch nicht interessieren. Er hat keine Tabletten dagegen. Darum gibt es auch keine offizielle Statistik. Wir schätzen den Anteil der betroffenen Frauen auf annähernd 50%. Bei den Männern sind es weniger, aber die Dunkelziffer ist hoch. Dabei ist das Kälte-Thema keineswegs auf die Wintermonate beschränkt. Die echten "Frostbeulen" plagen sich mit der Erwärmung ihrer Füße toujour, auch an heißen Julitagen. Und auch das Frieren an den Füßen stellt oft genug nur die Spitze des Eisbergs dar: Seltener registriert, aber dann genauso unangenehm sind die Kältezonen an Knie, Oberschenkel, unterem Rücken, Gesäß, Bauch, Schultern, Händen… Und auch der Kopf und hier besonders Stirn und Nacken können außerordentlich empfindlich gegen Kälteeinwirkung sein, besonders wenn sie mit Wind oder Zugluft verbunden ist. Wer in diesem Bereich sensibel ist, reagiert schnell mit Erkältung oder Nebenhöhlen-Schmerzen, während bei der konsequent fußkalten Frau bisweilen schon der Anblick kalter Fliesen ausreicht, um Blasenbeschwerden hervorzurufen. Die Schulmedizin ist auf diesem Auge weitgehend erblindet. Befindlichkeitsstörungen gehören in den "subjektiven" Bereich, sie haben keinen Krankheitswert an sich, ihre Behandlung ist deswegen auch keine Kassenleistung. Nur der "objektive", der durch Apparate gesicherte Befund verrät dem Arzt zweifelsfrei, ob der Mensch krank ist oder ob er sich nur etwas einbildet. Aus dieser "wissenschaftlich begründeten" Ignoranz der Schulmedizin gegenüber dem Wärmebedürfnis des Menschen erklärt sich manche pflegerische Rücksichtslosigkeit gegenüber hilflosen Patienten in Klinikbetten und OP-Sälen, mit bisweilen katastrophalen Folgen für Leib und Leben der Betroffenen.
Ganz anders die Chinesische Medizin. Sie gründet ihre Diagnose überwiegend auf Befindlichkeitsangaben des Patienten. Die in intensiven Anamnesegesprächen erforschten Beschwerden und Befindlichkeiten des Patienten, ergänzt um bestimmte chinesische Untersuchungen wie Pulstastung und Zungendiagnose, ergänzt auch um wichtige schulmedizinische Befunde, ergeben zusammen die traditionelle chinesische Diagnose. Sie gibt schon früh Hinweise, ob sich eine ungute, vielleicht für die Gesundheit gefährliche Entwicklung anbahnt (hier ist der chinesische Arzt besonders wachsam), und sie liefert natürlich die notwendigen Informationen für die Therapie.
Diagnostisch besonders aussagekräftig sind Empfindungen des Patienten, die seinen Wärmehaushalt betreffen.
Die wichtige Rolle, die das Temperaturthema in der Chinesischen Medizin spielt, sieht man schon daran, dass der Akupunktur und der manuellen Meridian-Behandlung (Tuina) die Moxibustion als Wärme zuführende Maßnahme an die Seite gestellt ist. Auch die Arzneitherapie orientiert sich, neben anderem, am Temperaturprinzip: Jedes der in den chinesischen Arzneibüchern beschriebenen zwei- bis dreitausend Mittel ist im Hinblick auf seine wärmende oder kühlende Wirkung genauestens beschrieben. Damit korrespondierend unterscheidet die chinesische Diagnostik zwischen einer Anzahl von Hitze- und vier Kältezuständen.
Die Chinesische Medizin fragt:
Warum werden bei einem hinreichend
mit Nahrung, Kleidern und Heizung versorgten
Menschen die Füße nicht warm?
Was bezweckt der Körper damit, dass er
mir kalte Füße macht? Das chronische
Frieren an den Füßen kann Ausdruck
einer Kältestörung sein und sollte deshalb
ernst genommen werden. Die wichtigsten
Formen einer Kältestörung sind, aus
chinesischer Sicht:
1. Zu wenig Vitalwärme, der Mensch
betritt die Lebensbühne
zaghaft, bringt sich nicht
ein, lässt sich nicht entzünden
– oft ängstliche,
komplizierte Menschen.
2. Deponien von
Schlackenstoffen in den
unteren Körperpartien,
die in der Absicht, die
Müllzonen gegenüber
dem Körperganzen
auszugrenzen, tiefgekühlt werden – oft
verbunden mit Neigung zu Wasseransammlungen
in den Unterschenkeln,
Krampfadern, unreiner Haut, Stauungserscheinungen.
Mit den Jahren kann dieser
Typ Fußkälte umschlagen in "burning
feet". In der Übergangsphase finden wir
beides gleichzeitig: Beim Einschlafen sind
die Füsse eiskalt, nachts müssen sie zur
Kühlung aus dem Bett gestreckt werden.
3. Erkältung akut oder versteckt – oft verbunden
mit Frösteln, Kältescheu, Zittern,
Schleimhautsymptomen wie Niesen,
Schnupfen, Husten, Halsweh…
4. Gestörte Spannungsregulation; überstarker
innerer oder äußerer Leistungsdruck
führt zur Verkrampfung; der Wille
ist überstark, darum folgt das Fleisch ihm
nicht – oft verbunden mit kalten Händen,
bisweilen auch mit heißem Kopf oder
anderen Hitzeerscheinungen. Massage,
Berührungen helfen; Loslassen lernen,
am besten im Kontakt mit Partnern. Interessanterweise
müssen hier oft kühlende
Rezepturen gegeben werden, um den
Energiefluss zu beruhigen und zu ordnen,
damit schließlich auch die Füße wieder
warm werden.
Die zuletzt genannte Situation findet man häufig bei nervös verspannten Menschen (kalte Füße – heißer Kopf). Gerade sie berichten uns immer wieder über die Erfahrung, dass das warme Bett abends erst dann Wirkung zeigt, wenn sich die Tagesspannungen unter der zärtlichen Berührung des Partners auflösen. Wir sehen: das Thema Warm-Kalt hat natürlich nicht nur mit Physik zu tun, es besitzt auch eine ganz wesentliche psychische, das heißt kommunikative Komponente. Das zeigt uns schon die Sprache in Ausdrücken wie: er kriegt kalte Füße (Angst), er ist ein Hitzkopf (Wut), Herzenswärme, Nestwärme, kalte Wut usw.
Wärme löst Spannung – Entspannung lässt äußere Wärme besser eindringen.
Die chinesische Behandlung von Kältestörungen im Rahmen chronischer Erkrankungen müssen wir den Therapeuten überlassen.
Glücklicherweise gibt es viele Wege, sich selbsttätig mit unseren kalten Füssen auseinanderzusetzen. Ziel wird zunächst sein, die quälenden oder doch ärgerlichen Symptome loszuwerden, gleichzeitig läßt sich damit der Einnistung einer Kältekrankheit entgegenwirken. Und drittens wird diese Arbeit an unseren Füssen auch der persönlichen Entwicklung förderlich sein.
Wärmende Speisen und Getränke
Regelmäßig heißes Wasser trinken. Neben der wärmenden Wirkung fördern wir damit auch die Entschlackung. Regelmäßig warm essen, auch zum Frühstück (Hafer-, Hirsebrei, Reis-Suppe für die ganz Magenempfindlichen). Kühlschrankkalte Getränke streichen. Was die wärmende Wirkung auf den Organismus betrifft, empfiehlt die Chinesische Medizin folgende Lebensmittel: Grünkern, Hafer, Rundkornreis, Amaranth, Sago; Fenchel, Kastanie, Kürbis, Lauch, Meerrettich, Süßkartoffel, Zwiebel; alle Fleisch-Arten außer Rind und Schwein; Fisch; alle Gewürze, also Zimt, Ingwer (besonders die getrocknete Form), Fenchel, Kardamom, Nelken…
Aber Vorsicht!
Vor Jahren haben wir eine Dame wegen Rheuma behandelt, die in einem Ratgeber gelesen hatte, dass Rheuma eine Kältekrankheit ist und sich mit getrocknetem Ingwer (stark wärmende Wirkung) kurieren lässt. Der Autor hat sinnvollerweise gleich das entsprechende Präparat mit vermarktet. Tatsächlich half das Mittel die ersten Wochen gegen die Schmerzen, aber gleichzeitig entwickelte sich eine schwere, kaum zu beherrschende harte Verstopfung. Und dann stellten sich auch die Gelenkschmerzen wieder ein. Wir lernen von den Chinesen: Wärmende Arzneien im Übermaß trocknen aus, schädigen die Schleimhäute und erregen das Nervensystem. Wir haben natürlich das Mittel abgesetzt und eine komplexe chinesische Therapie angesetzt, bei der wärmende Rezepturen nicht im Mittelpunkt des therapeutischen Konzeptes standen. Neben einer Austrocknung der Schleimhäute kann der Genuss von reichlich wärmenden Speisen noch andere ungute Folgen haben: Die Füße bleiben kalt, aber der Kopf wird immer heißer oder der Mensch wird einfach nur nervös statt warm. Ursache ist der polare Charakter der Energie-Verteilung. Wärme-Impulse, lehrt die Erfahrung, haben die Tendenz, nach oben zu steigen. Bei hektischen, wenig bodenständigen Menschen kommt die Wärme nicht da an, wo sie gebraucht wird, im "Unteren Erwärmer". Der Untere Erwärmer umfasst neben den Füssen die Beine und den Bereich der Beckenorgane – häufig eine Problemzone fußkalter Menschen.
Lokale Wärme
Wir bringen die Wärme dahin, wo der
Körper nach ihr verlangt, also:
Wärmflasche, Dinkelsack, Kirschkernkissen
u.ä.; Fußbäder warm oder ansteigend
(warm beginnen, durch Zugabe von
heißem Wasser im Verlauf von ca. 10 -
15 Min. auf gut warm steigern);
Fußwechselbäder (ca. 3 Min. warm -
10 Sek. kalt, mehrfach wiederholen),
Wassertreten. Zusatz von Zimtöl zum
Fußbad steigert die wärmende Wirkung
(siehe Pflegetipp). Wolle, auch Angora, in
jeder Form. Knie, Oberschenkel, Gesäß,
unterer Rücken und Bauch verlangen
häufig auch nach wärmender Zuwendung.
Wer kann unseren Frauen
endlich beibringen, dass wärmende
Kleidung in der entsprechenden Jahreszeit
der Gesundheit und damit indirekt
auch der Schönheit dient und dass auch
eine wollene Strumpfhose sexy aussehen
kann? Grundsätzlich gilt: Je mehr die
Eigenproduktion von Wärme angeregt
wird, umso nachhaltiger die Wirkung.
Also: Wolle besser als Wärmezufuhr,
Wechselbäder besser als warme Bäder.
Bei Kaltwasseranwendungen Vorsicht:
erst anwenden und dabei die Kältezufuhr
auf eine so sensible Art dosieren, dass
anschließend eine reaktive Erwärmung
eintritt. Der Wärmeorganismus soll durch
eine gezielte, leichte Provokation aus der
Reserve gelockt, nicht durch einen brutalen
Kälteschock für immer zum Rückzug
getrieben werden. Und wer mit der kalten
Dusche partout nicht zurecht kommt,
dem sei die Ganzkörperwaschung empfohlen
– die zudem noch den Vorteil hat,
dass Massage und Gymnastik kostenlos
mitgeliefert werden. – Aber bei all dem
soll man sich Zeit lassen, es darf keine
Hektik aufkommen und wenn es ein
wenig Spaß macht – um so besser.

