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Die Klinikzeitung - Zeitung der Klinik am Steigerwald, Dezember 2009

Liebe Patientinnen und Patienten, liebe Freunde, Förderer und Interessierte,

 

Irgendwann im Laufe eines Arbeitstages gibt es eine kleine Verschnaufpause, in der es mich nach draußen zieht. Das Wetter spielt dabei keine große Rolle. Der Wald beginnt ja gleich hinter der Klinik und auch als "Regenwald" hat er seine Reize. Ich denke, es geht vielen Menschen wie mir. Mit dem Älterwerden wächst die Liebe zur Natur und bekommt etwas Gebieterisches: Ich bereue jeden Tag, an dem ich es versäume, unserem Wald oder den Weinbergen einen Besuch abzustatten. Es gibt viel zu entdecken, wenn man nicht nur Herzfrequenz und Leistungssteigerung im Sinn hat, und dabei den Wald zum Laufband degradiert, sondern mit offenen Sinnen durch die Natur streift. Im Herbst hatte der Mischwald um die Klinik einen bunten Fleckerlteppich von abgefallenen Blättern auf den Wegen ausgebreitet.

Es war reizvoll, zu untersuchen, zu welchen Bäumen die roten, braunen, gelben Blätter gehörten, welche die Spazierwege bedeckten. Während bei Eiche, Buche, Ahorn, Esche und Birke die Diagnose noch leicht fiel, waren die Blätter von Elsbeere, Faulbaum, Pfaffenhütchen, Brombeere, Speierling und vielen anderen mehr eine Aufgabe für Profis. Jetzt da die Blätter langsam verwittern und in der Konturlosigkeit des Erdreichs verschwinden, tritt die Eigenart der Bäume immer markanter hervor. Der Arzt denkt dabei natürlich an die bleibenden Zeichen durchgemachter Krisen, Kämpfe, Vernarbungen an Körper und Seele, die dem älter werdenden Menschen Gesicht und Charakter geben. Die Bäume gehören ja zu den wenigen Lebewesen, die ein dem Menschen vergleichbares Alter erreichen. Jetzt, ihres Blätterkleides beraubt, zeigen sie, was sie alles durchgemacht haben in den letzten Jahrzehnten. Nur wenige sind es, die ihr Geäst ungestört in die Höhe zum Licht und in die Weite des Raumes wachsen lassen konnten (in einer reinen Yang-Bewegung, wie die Chinesen sagen würden). Bei den meisten haben Wind, Schnee, Eis und die gegenseitige Bedrängung Spuren hinterlassen: abgeknickte, bizarr verformte Äste, krumme oder geschraubte Stämme, Auswüchse wie vernarbte Wunden, seltsames Verschmelzen mit Nachbarstämmen und vieles andere mehr.

So findet man in der Betrachtung von Bäumen wie von Menschen Gesichter, die durch Wandlungen und Bedrängnisse im Leben zur eigenen Schönheit reifen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die etwas ruhigere Zeit um die Jahreswende für lange Waldspaziergänge nutzen können und verbleibe mit freundlichem Gruß,

Ihr Christian Schmincke