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Die Klinikzeitung - Zeitung der Klinik am Steigerwald, Juni 2007
Aus Forschung und Lehre

Wissenschaftlich an der Idee der TCM vorbei?

von von Dr. Christian Schmincke

Auf dem diesjährigen TCM-Kongress in Rothenburg war das aktuelle Wissenschaftlichkeitsverständis der TCM-Vertreter aus China ein großes Thema. In China kämpfen Wissenschaftler und Therapeuten, die sich der TCM verschrieben haben, immer noch gegen die Vorbehalte der westlichen Wissenschaft. Häufig genannte Begriffe sind dabei: Scharlatanerie, Humbug und Placebo. Um diesem Bollwerk zu begegnen, setzt man in China genau wie im Westen Wirksamkeitsstudien ein. Grundlage dieser Studien sind die methodischen Vorgaben der westlichen Schulmedizin. Ziel ist, auch den westlichen Wissenschaftler zu überzeugen. Das tut man am besten in dessen Sprache.

Dieser Weg mag sinnvoll sein, um zu zeigen, dass die chinesische Methode überhaupt eine positive Wirkung hervorbringt. Aber es muss auch auf eine große Gefahr hingewiesen werden: In der Naturheilkunde ist es ja eben nicht das Ziel, nur einzelne Symptome zu beseitigen; der Körper soll vielmehr zu einer physiologisch sinnvollen Heilreaktion angeregt werden, bei der am Ende auch das Symptom verschwindet. Es geht also nicht darum ein Fieber einfach zu senken, sondern den Infekt in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Das Fieber dient dabei als Motor für eine aktive Tätigkeit des Immunsystems, damit der Infekt nicht einfach abbricht, sondern eine förderliche Entwicklung nimmt. Ebenso genügt es uns nicht, eine Übelkeit infolge von Chemotherapie einfach auszuschalten; vielmehr sollen Ausscheidungsvorgänge so angeregt werden, dass die übelkeitsverursachenden Stoffe aus dem Körper ausgeleitet werden.

Unsere Befürchtung ist, dass sich die moderne TCM in China zu sehr an westlichen Forschungsidealen orientiert und sich dadurch vom Boden der eigenen Heilweisheit entfernt. Natürlich ist Forschung nötig, aber sie muss sich an der Komplexität von Behandlungsverläufen orientieren. Forschungsziel ist nicht Symptomunterdrückung, sondern sind effektive Behandlungen, die es dem Organismus ermöglichen, der Krankheit heilsam entgegenzutreten.

Fazit des Kongresses, über das auch mit den chinesischen Kollegen vor Ort durchaus gesprochen werden konnte: China goes west und Europe goes east. Ob sie aneinander vorbei ziehen oder ob sie sich irgendwo in der Mitte begegnen, wird von der Gesprächsoffenheit beider Seiten abhängen.