Hände in der Therapie
Viele Therapien leben davon, was Hände können, hat doch das "Behandeln" daher seinen Namen. Es bezeichnet das, was Masseure, Körpertherapeuten, Heilpraktiker und Ärzte mit ihren Patienten "anstellen". Das hat seinen guten Grund. Steht die Hand doch für Intelligenz ebenso wie für Gefühl, Kontaktaufnahme, emotionale Zuwendung und gleichzeitig für gute Distanz. Diese drei Aspekte sind näher zu erläutern.
Nach chinesischer Auffassung gehören die Hände und die Unterarme zur Außenwelt, während der Rumpf bis zum Ellenbogen zur inneren Welt des Menschen zählt. Der Mensch greift mit seinen Armen und Händen in die äußere Welt und verbindet sich mit ihr. Dass die menschliche Hand das nach außen gewendete Gehirn ist, wird auch in neurologischen Studien vielfach beschrieben. "Handeln", "eine Sache in die Hand nehmen", "Hand anlegen", "etwas handhaben", all diese Worte und Redewendungen zeigen die tatkräftige Nuance dieses Zusammenhangs. Handwerker ebenso wie Musiker zeigen es uns. Die Hand scheint ganz selbständig die kompliziertesten Dinge ausführen zu können, während die Aufmerksamkeit vielleicht ganz woanders weilt. Es scheint sich um ein eigenständiges Gehirn zu handeln.
Dieses "Handhirn" führt auch die Regie während einer guten Körpertherapie. Es verkörpert eine Intelligenz, die nur am Rande von der Großhirnrinde dirigiert wird, sich vielmehr unterhalb unserer intellektuellen Leistungsschicht mit den menschlich-atmosphärischen Zwischenräumen verbindet.
Der zweite Aspekt ist geprägt von Begriffen wie "Hand auflegen", "an der Hand halten", "etwas beschützend in die Hand nehmen", "jemandem die Hand reichen". Sie enthalten etwas von der Zuwendung, von dem sozialen Zeichen, das von der Hand ausgehen kann. Es ist die verbindende Kraft, das Brücken Bauende und an die Gegenwart Gebundene, was hier zum Ausdruck kommt. Die Zuwendung gebende Hand garantiert meine Existenz jenseits aller Befürchtungen und Sorgen. Sie zeigt mir außerhalb und vor jedem Wort: "Ja, ich bin da, ich werde wahrgenommen." Die Körpertherapie jedoch nur von hier aus zu denken, wäre zu kurz gedacht. Die Zuwendung soll ein Medium sein, über das neue Wege geöffnet werden. Nähe ist unabdingbar, Distanz aber nicht weniger.
Darum muss auch dieser dritte Aspekt genannt werden: Im Gegensatz zu Begriffen wie "an die Brust drücken" oder "in den Arm nehmen" ist das, was die Hand kann, von geringerer Nähe und Intimität geprägt. Das Berühren mit der Hand ist bei aller Zuwendung auch immer etwas, das die Distanz aufrechterhält. Die Hand ist der Botschafter, der das, was der Therapeut fühlt, denkt und intendiert, dem Patienten hinüberbringt. Das ist das richtige und wichtige Verhältnis von Nähe und Abstand und eine Grundvoraussetzung für eine gute Therapie.

