Quo vadis medicina sinensis?
Wie geht es weiter mit der TCM in Europa?
In den letzten Jahrhunderten ist die chinesische Medizin in Europa als Modeströmung mehrfach aufgetaucht und wieder in Vergessenheit geraten. Die jüngste "Welle" begann in den 70er Jahren. Diesmal scheint ihre Verbreitung über den Status einer Modeströmung hinaus zu gehen. Dennoch ist es eine kurze Zeitspanne, bezogen auf das Alter und die Überlebenskraft der traditionellen Medizin in China. Ungeachtet dessen zeigen sich im kulturellen und politischen Umfeld der TCM Entwicklungstendenzen, die zu Sorge Anlass geben.
China entwickelt sich weiterhin rasant in Richtung Westen. Die modernen städtisch geprägten Schichten, besonders in den entwickelten Küstenregionen des Ostens, orientieren sich zunehmend an europäischer oder US-amerikanischer Lebensart. Auch Gesundheitsadministration und (traditionelle) Hochschulmedizin vermögen immer weniger dem starken Sog standzuhalten, der von westlichen Leitbildern ausgeht. Die alten Meister, die hoch gebildeten Fachleute der Kräutermedizin sterben langsam aus. Viele fürchten, dass die TCM in China eines Tages ein ähnliches Nischendasein fristen wird wie die Naturheilkunde bei uns im Westen. Drei Kräfte sind zu erkennen, von denen zu hoffen ist, dass sie gemeinsam diese Entwicklung aufhalten könnten: erstens das Interesse des Westens an der TCM, zweitens die starke Verankerung der Kräutermedizin in der ländlichen Bevölkerung Chinas und drittens die mit der Zeit wachsende Erfahrung, dass die TCM der westlichen Medizin in vielen Bereichen tatsächlich überlegen ist.
In Europa ist die Popularität der chinesischen Medizin ungebrochen, abzulesen an der weiterhin regen Nachfrage nach ihren therapeutischen Angeboten wie an der eher noch steigenden Medien-Präsenz fernöstlicher Heilmethoden.
Gemessen an den Möglichkeiten der chinesischen Medizin, insbesondere der Arzneitherapie, ist das Gerangel an der Versicherungsfront hierzulande eine Farce: kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen einigten sich vor kurzem, bei den Diagnosen "chronische Rücken- und Knieschmerzen, die länger als sechs Monate anhalten" die Akupunkturbehandlung in den Tarifplan aufzunehmen. Sie sind jetzt also gesetzliche Kassenleistungen.
Im Vorlauf dieser Entscheidung wurde der größte und wahrscheinlich teuerste Modellversuch zur Überprüfung der Wirksamkeit der Akupunktur durchgeführt. Ein Versuch aber, der nicht die individualisierende Konzeption der chinesischen Diagnostik und Akupunktur berücksichtigte, sondern ein Punkteschema zum Gegenstand hatte. Dass selbst diese schematische Akupunktur den konventionellen Behandlungen überlegen war, ist das eigentlich Erstaunliche: Schlechte Akupunktur ist besser als westliche Konvention, so lautet das Ergebnis dieses teuren Versuchs. Müssen Forschungsetats so verschleudert werden?
Dennoch gibt es Kollegen, die diese Aktivitäten als Erfolg für die Sache der TCM werten. Die Fortschritte in der Anerkennung der Chinesischen Medizin in Deutschland gestalten sich in der Tat sehr zäh. Unabhängig davon zeigen unsere Erfahrungen der letzten Jahre, dass die Chinesische Medizin insgesamt genug Substanz hat, um Einseitigkeiten und Defizite unserer Schulmedizin auf hohem Niveau zu korrigieren.
Wie notwendig diese Korrekturen sind, zeigen die jüngsten Entwicklungen in der Gesundheitspolitik: Zwischen den immer perfekter werdenden Marketing-Strategien der Industrie und der ins Absurde gesteigerten Reglementierungssucht der Bürokratien bleibt immer weniger Raum für das Gespräch zwischen Arzt und Patient: Der Patient muss Fragen stellen können, die den Arzt und sein Tun tatsächlich in Frage stellen, und der Arzt muss Antworten finden, die dem Hier und Jetzt des Patienten gerecht werden. Dies gilt natürlich mit entsprechenden Abwandlungen auch umgekehrt. Beide lernen voneinander, beide übernehmen Verantwortung für ihren Anteil am Behandlungsprozess. Ein solches Arbeitsbündnis ist die Seele jeder Therapie, nicht nur der chinesischen.
Von der Krankenversicherung der Zukunft erhoffen wir uns, dass sie die hohe Professionalität dieser Form der Therapie erkennt und angemessen honoriert. Solange hier ein Umlernprozess auf sich warten lässt, wird der Patient weiter in die eigene Tasche greifen müssen. Er hat schneller als die Großinstitutionen unseres Gesundheitssystems gelernt, worauf es ankommt, und dadurch vielleicht ein Stückchen Autonomie für sich und seine Gesundheit gewonnen.

